Ja und Nein. Es ist verständlich, erst einmal auf Abwehr zu gehen: Trauma ist ein großes Wort, Scham ein starkes Gefühl. Unser Gehirn fängt an, Distanz herzustellen. Achtung: Es wird potenziell nah und verletzlich. Ein erster Schutz fährt hoch: „Trauma? Das ist etwas für die anderen. Für die mit großem Leid. Nicht für mich. Wer bin ich, dass ich mir das Recht herausnehmen dürfte, ein Trauma zu haben, wo andere Menschen doch deutlich schlimmere Dinge erlebt haben.“
Oder: „Mit mir? Mit mir ist doch alles in Ordnung! Oder?“
Angst kommt hoch: „Was, wenn ich nicht mehr funktioniere?“
Scham kommt hoch: „Was, wenn andere das sehen oder mitbekommen?“
Angst kommt wieder hoch: „Was, wenn sie mich ablehnen?“
Wut kommt hoch: „Das lasse ich nicht zu! Mit mir ist alles in Ordnung! Ich habe keine Probleme! Ihr habt Probleme! Ihr seid einfach alle zu weich.“
Schutzmechanismen in Aktion. Das Boomertrauma.
Trauma heißt eigentlich nur Verletzung, aber das Wort löst etwas aus. Kein Mensch hätte ein Problem damit, offen darüber zu sprechen, vom Fahrrad gefallen zu sein und sich ein Knietrauma zugezogen zu haben. Ein Knietrauma? Ja, stimmt. Armgelenktrauma, als ich vom Klettergerüst gefallen bin? Ja, stimmt. Keinerlei emotionale Ladung.
Trauma in der Kindheit? Uff. Schwierig. Plötzlich wird es nah und gefährlich. Sensibles Thema – eigene Eltern und Kindheit.
Spannend. Warum?
Wäre die Frage jetzt: Sind wir alle verletzt? Spezifischer: Sind wir alle emotional verletzt? Dann würde ich sagen – und mir würden wahrscheinlich viele Menschen zustimmen – dass die Wahrscheinlichkeit, dass wir alle irgendwann in unserem Leben emotional verletzt wurden, durch unsere Eltern, Familie, Freunde, Lehrer, Beziehungen usw., ziemlich hoch ist. Fangen wir sanft an: die erste Liebe, die erste Trennung. So gut wie jeder hat es selbst erlebt. Es ist verletzend, es ist emotional schmerzhaft, und gleichzeitig ist es etwas, wofür die meisten Menschen sich nicht schämen. Damals war die Trennung schlimm und tragisch; heute denkt man vielleicht als Erwachsener: „Ich wusste es damals nicht besser und mein Partner oder meine Partnerin auch nicht. Wir waren noch jung.“ Nostalgie setzt ein, Dankbarkeit. Andere fühlen vielleicht auch Wut oder Erleichterung oder eine Mischung aus allem. Meist hat man keinen Kontakt mehr zur ersten Liebe. Man war bei der ersten Liebe häufig auch kein Kind mehr, eher ein Jugendlicher. Die Verletzung oder Wunde konnte über die Zeit verheilen, man konnte sie meist verarbeiten.
Bei den eigenen Eltern, der eigentlich ersten Beziehung und ersten Liebe unseres Lebens, ist es meist anders. Häufig haben wir als Erwachsene noch Kontakt. Lief die Kindheit rosig, nah und verlässlich, ist auch der heutige Kontakt meist rosig, ruhig und verlässlich. War sie das nicht, spiegelt sich das in der heutigen Beziehung wider.
Wenn Menschen sagen: „Ich kann mich an meine Kindheit nicht erinnern, aber ich denke, sie war ganz okay“, dann kann man einfach schauen, wie die Beziehung zu den Eltern heute ist. Manche sehen ihre Eltern mehr, manche weniger oder gar nicht mehr.
Oft spielt Schuld eine unbewusste Rolle: „Ich muss ja Kontakt haben, damit ich ein gutes Kind bin. Das macht man so als gutes Kind.“
Bewusste und unbewusste Verletzungen, die geschehen sind, sind meist mit Scham behaftet – vor allem bei den Eltern. Kein Elternteil ist stolz darauf, sein Kind z. B. geschlagen zu haben. Viele Boomer wurden selbst von ihren Eltern geschlagen, haben sich selbst nach Nähe und Verbindung zu ihnen gesehnt, aber häufig kühle Distanz und eigene Verletzungen erlebt. Diese Scham wird meist nicht mit den Kindern geteilt oder ausgesprochen, denn man hatte ja selbst keinen gesunden Umgang mit Gefühlen erlernt und wurde für die eigene Schwäche abgewertet. Scham wird als Gefühl häufig als Schwäche interpretiert. Es folgt Abwehr und Abwertung der eigenen Schwäche und der Schwäche im Gegenüber, dem eigenen Kind: „Du bist einfach zu weich! Stell dich nicht so an! War ja auch nicht alles schlecht! So dankst du es mir also?“ Es ist eine Vermeidungsstrategie der eigenen Verletzlichkeit und Schwäche.
Das macht es für Betroffene so schwierig, weil ein innerer Konflikt entsteht: zum einen die Liebe und Loyalität zu den Eltern und der Schmerz der Verletzung, dann die Wut über die Abwehr oder Abwertung und gleichzeitig die Scham und Schuld, selbst kein gutes Kind zu sein. Vielleicht ist man wirklich einfach zu empfindlich?
Man fühlt einen Cocktail aus Gefühlen, darf aber nicht so fühlen. Man denkt vielleicht: „Meine Gefühle sind nicht richtig.“ Daraus resultiert dann meist eine Hilflosigkeit – genau wie in der Kindheit. Bis man das Muster erkennt und es bewusst verändert.
Scham ist keine Schwäche. Scham ist Stärke und sorgt für Verbindung. Gleichzeitig hat Scham Angst vor Ablehnung. Wenn ich zu meinem Kind sage: „Ich schäme mich dafür, dass ich dich geschlagen habe“, dann ist es ehrlich und schafft Raum für Verbindung. Wenn aber gesagt wird: „Du bist zu sensibel!“, ist es eine unfaire Verdrehung und schafft Distanz.
Habe ich die Frage beantwortet? Es ist komplexer und vielschichtiger als nur Ja oder Nein. Schwarz oder Weiß.